Impuls

„Wie digital ist Nürnberg, Ingo di Bella?“

Nürnberg spielt digital längst weiter vorne mit, als viele denken – sagt Ingo di Bella, Geschäftsführer des Nürnberg Digital Festival. Im Interview mit bürobesuch spricht er über fränkische Bescheidenheit, KI im Mittelstand, digitale Verwaltung und darüber, warum die Region mehr Selbstbewusstsein braucht.

Außerdem verrät er, was Besucher beim kommenden Nürnberg Digital Festival (22.6. bis 2.7.2026) erwartet: elf Tage, über 240 Programmpunkte und Zukunft zum Ausprobieren statt nur zum Anschauen.

(Foto: Simon Malik)

Wie erklären Sie einem 7-jährigen Kind, was Sie beruflich machen?

Ich sorge dafür, dass Computer und KI den Menschen die Arbeit erleichtern statt sie zu nerven. Firmen kommen zu mir, wenn sie wissen wollen, wie sie diese Werkzeuge sinnvoll einsetzen. Und einmal im Jahr baue ich mit vielen anderen ein großes Festival für die ganze Stadt, bei dem man Zukunft ausprobieren kann statt nur darüber zu reden.

Da programmieren Kinder kleine Roboter und bauen Musik aus Obst, weil ein Computer mit allem funktioniert, was Strom leitet. Sie merken dabei, dass Technik nichts ist, das einfach über einen kommt, sondern etwas, das man selbst gestalten kann. Das ist im Kern mein ganzer Job.

Wie digital ist Nürnberg aus Ihrer Sicht wirklich?

Stärker, als das eigene Selbstbild zugibt. Die Nürnberger Verwaltung steht im Bitkom Smart City Index wiederholt auf Platz eins unter den deutschen Großstädten, mit über 1.700 digitalen Verwaltungsangeboten, das wissen die wenigsten hier vor Ort.

In der Industrie, im B2B, bei DATEV, Schaeffler, Siemens, an den Hochschulen läuft digital extrem viel, oft auf Weltniveau. Was fehlt, ist nicht die Substanz, sondern der Anspruch, wirklich erste Liga spielen zu wollen, und das Selbstbewusstsein, das auch zu sagen.

Nürnberg kann mehr, als es sich selbst zutraut. Das ist die eigentliche Lücke, nicht die Technik.

Woran erkennt man im Alltag, ob eine Stadt digital denkt?

Nicht an der Zahl der Apps. Sondern daran, ob der Alltag reibungsloser wird. Ein gutes Beispiel: Dass ich mein Paket in Echtzeit verfolgen kann, finde ich heute völlig selbstverständlich. Die ehrliche Frage ist, warum das nicht für jeden Amtsvorgang gilt. Wo steht mein Antrag, wer hat ihn, wann ist er fertig.

Eine Stadt denkt digital, wenn diese Transparenz, die ich beim Onlineshop habe, auch im Kontakt mit der Verwaltung ankommt. Nürnberg ist da weiter als viele denken.

Aber die Latte steigt ständig, weil sich der Maßstab im Alltag ständig verschiebt. Digital denken heißt, diesen Maßstab ernst zu nehmen.

Was macht Nürnberg digital schon gut – und wo gibt es Luft nach oben?

Gut ist die Substanz. Die Dichte aus Konzernen, starkem Mittelstand, Hochschulen und Start-ups, dazu eine Verwaltung, die digital bundesweit vorn mitspielt.

Luft nach oben hat das Selbstbewusstsein. Uns fehlt die große Vision, der Anspruch, als Stadt wirklich erste Liga spielen zu wollen. Wir verkaufen uns konsequent unter Wert, und fränkische Bescheidenheit hilft da kein bisschen.

Genau dagegen arbeiten wir mit dem Nürnberg Digital Festival. Wir machen die Region laut und sichtbar, wir setzen den Leuten Geschichten in den Kopf, und wir zeigen, dass hier mehr passiert, als die meisten glauben. Substanz haben wir. Jetzt braucht es das Selbstbewusstsein dazu.

Sie sind das ganze Jahr für das Nürnberg Digital Festival unterwegs. Was hören Sie gerade besonders oft aus Unternehmen der Region?

Die Frage hat sich verschoben. Vor zwei Jahren war es noch: Sollen wir überhaupt was mit KI machen. Heute ist es: Wie kriegen wir das in den echten Arbeitsalltag, ohne dass uns die Leute von der Fahne gehen.

Ich mache gerade viele KI-Workshops für Führungskräfte, und das höre ich überall. Dazu zwei Sorgen, die ehrlich sind: Wo fangen wir an, ohne uns zu verzetteln. Und wem gehören eigentlich unsere Daten, wenn alles über amerikanische Modelle läuft.

Der Hype nervt viele inzwischen. Das konkrete Werkzeug interessiert sie.

Wo steht der Nürnberger Mittelstand bei Digitalisierung und KI: Aufbruch, Abwarten oder Überforderung?

Alles drei gleichzeitig, je nachdem, an welchem Tisch man sitzt. Ehrlich ist aber: Die meisten warten ab und nennen es Abwägen. Dahinter steckt oft Überforderung, die keiner zugibt, weil das Tempo wirklich brutal ist.

Und dann gibt es die Handvoll, die einfach angefangen hat, und die zieht gerade spürbar davon. Der Abstand zwischen Machen und Abwarten wird nicht linear größer, sondern exponentiell. Das ist die eigentliche Botschaft, die im Mittelstand noch nicht überall angekommen ist.

Wer jetzt nur zuschaut, holt das in zwei Jahren nicht mehr ein.


Kampagnen, die wirklich Bewerbungen bringen

Für Kunden realisiert wirdenkenlokal Kampagnen mit Schnellbewerbungsformularen, authentischen Einblicken in den Arbeitsalltag und präziser Anzeigenschaltung. Das Ergebnis: je nach Branche vieleinteressierte Bewerber in nur wenigen Wochen, die bei den Unternehmen für passende Einstellungen sorgen. 

Egal ob punktuell oder dauerhaft: Mit wirdenkenlokal holen Sie mehr passende Bewerbungen in kürzerer Zeit.

(Anzeige)


Wo sehen Sie beim Thema Digitalisierung die größte Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Zwischen dem Wort und dem Werkzeug. Fast jede Firma sagt von sich, sie sei digital. Im Hintergrund laufen dann Excel-Listen und Medienbrüche an jeder Ecke, und KI steht auf der Strategiefolie, ist aber im Arbeitsalltag noch nicht angekommen.

Die größte Lücke ist nicht die Technik, die gibt es längst. Es ist der Mut, eingespielte Abläufe wirklich anzufassen statt sie zu digitalisieren wie sie sind. Digitalisierung heißt zu oft, das alte Chaos schneller zu machen. Recoding heißt, vorher zu fragen, ob der Ablauf überhaupt noch Sinn ergibt.

Genau dafür steht unser Motto in diesem Jahr.

Welche digitalen Stärken hat die Metropolregion, die außerhalb der Region zu wenig gesehen werden?

Industrielle KI und B2B-Tech. Was hier in Fabriken, in der Logistik, in der Medizintechnik an angewandter KI passiert, ist international relevant, aber unspektakulär, weil es keine Consumer-App mit schickem Logo ist.

Dazu die enge Verzahnung von Mittelstand und Hochschulen, kurze Wege, viel Praxis. Dass die RoboCup-Weltmeisterschaft 2027 nach Nürnberg kommt, gegen Mitbewerber wie Dubai, ist kein Zufall, sondern Folge dieser Substanz.

Wir sind keine laute Szene. Wir sind eine, die liefert. Das wird außerhalb der Region massiv unterschätzt.

Wo entstehen in Nürnberg die spannendsten digitalen Impulse: in Start-ups, Mittelstand, Konzernen, Hochschulen oder Verwaltung?

Selten dort, wo man es erwartet. Die großen Konzerne haben die Mittel, aber selten die Geschwindigkeit.

Die spannendsten Impulse entstehen an den Schnittstellen: wenn ein Konzern auf ein Start-up trifft, wenn Studierende und Forschung neben dem Mittelstand sitzen, wenn jemand aus der Hochschule mit jemandem aus der Praxis ins Gespräch kommt. Genau diese Begegnungen schaffen wir mit dem Festival, ganz bewusst. Sie passieren nämlich nicht von allein.

Ein Konzern und ein Gründer landen im Alltag selten am selben Tisch. Bei uns tun sie es. Und aus genau diesen Reibungen entsteht das Neue.

Das Nürnberg Digital Festival bringt viele Akteure zusammen. Was kann ein Festival leisten, was klassische Wirtschaftsförderung nicht schafft?

Wirtschaftsförderung denkt in Programmen, Anträgen und Zuständigkeiten. Ein Festival denkt in Begegnung. Wir bringen Menschen in einen Raum, die sich sonst nie treffen würden, ohne Formular, ohne Eintritt, ohne dass jemand von oben vorgibt, was relevant ist.

Wir kuratieren das Programm nicht, wir kultivieren die Bedingungen, unter denen andere selbst aktiv werden. Jede Organisation bringt ihr eigenes Format mit, vom Konzern-Panel bis zum Kinder-Workshop.

Vertrauen und Beziehungen entstehen nicht durch Förderbescheide, sondern durch gemeinsame Zeit. Das ist der Unterschied, und das kann kein Programm ersetzen.

Welche Themen werden beim kommenden Nürnberg Digital Festival besonders prägend sein?

KI als echtes Arbeitswerkzeug, nicht als Spielzeug. Der Sprung vom Chatbot zur Anwendung, die im Alltag wirklich etwas abnimmt, zieht sich durch fast alle Bereiche, von Bildung über Verwaltung bis Gesundheit.

Das zweite große Thema ist digitale Souveränität. Bei den aktuellen Spannungen zwischen Europa und den USA ist die Frage, wem unsere Daten und unsere Infrastruktur gehören, plötzlich keine Theorie mehr.

Und drittens kommt der Bayerische Digitalgipfel erstmals ins Festival. Dass er bei uns stattfindet, zeigt, dass aus einer Community-Plattform Infrastruktur geworden ist.

Wie kann Inspiration nach so einem Abend langfristig wirken?

Wie schon gesagt: Indem das Gehörte in Handlung übergeht. Inspiration darf nicht stecken bleiben. Wenn Menschen nach so einem Abend dann anders entscheiden, mutiger handeln oder neue Wege gehen, Chancen nutzen, dann wirkt sie nachhaltig und wir als Initiatorinnen sind happy. 

Was erwartet die Besucher auf dem Nürnberg Digital Festival?

Elf Tage, über 240 Programmpunkte, fast alle kostenlos. Die Spannweite ist der Punkt: Vormittags ein Workshop, in dem Grundschulkinder eine Rätselmission mit Informatik lösen, abends Quantum Computing zum Anfassen. Dazwischen eine interaktive Cobotic-Installation, ein Tech-Kneipenquiz, autonome KI-Drohnen, die Jugendliche selbst programmieren.

Dazu der Bayerische Digitalgipfel als politisches Schwergewicht. Man muss kein Profi sein, um etwas mitzunehmen, und man muss kein Kind sein, um zu staunen. Unter dem Motto „Recode the Future“ heißt das: Zukunft nicht erklären lassen, sondern selbst ausprobieren.

Wie können sich Unternehmen einbringen, die beim Festival nicht nur zuhören, sondern wirklich mitgestalten wollen?

Indem sie selbst Gastgeber werden. Das Festival funktioniert nicht als Bühne, auf der wir ein fertiges Programm abspielen, sondern als offene Plattform.

Wer ein Thema hat, ein Projekt, ein Best Practice, auch ein offenes Problem, bringt es als eigenes Event ein, als Workshop, Panel oder Mitmach-Format.

Wir geben den Rahmen, das Datum, die Sichtbarkeit und die Community. Die Inhalte kommen von den Partnern. Genau das macht das Festival ehrlich: Es gehört denen, die es mitgestalten.

Zum Abschluss: Woran würden Sie in fünf Jahren merken, dass Nürnberg wirklich digitaler geworden ist?

Nicht an neuen Strategiepapieren. An konkreten Dingen. Wenn die Verwaltung läuft, ohne dass man drei Anläufe braucht. Wenn Kinder aus der Schule kommen und Technik bauen statt nur bedienen. Wenn Firmen liefern statt zu pilotieren. Wenn die Region selbstbewusst ihre eigene Geschichte erzählt, statt nach Berlin oder München zu schielen.

Der RoboCup 2027 kann so ein Wendepunkt werden, wenn wir ihn richtig nutzen. Und ganz grundsätzlich: Wir sind digitaler, wenn die Leute das Gefühl haben, sie gestalten die Zukunft mit, statt sie über sich ergehen zu lassen. Das wäre echtes Recoding.


Sie haben eine Empfehlung für einen Interviewpartner für uns? Dann schreiben Sie uns gerne eine Mail an presse@buerobesuch.de.

Wie hat Ihnen unser Interview gefallen? Schreiben Sie Ihr Feedback gerne an constantin.kaindl@buerobesuch.de. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

PS: Wir freuen uns, wenn Sie unseren Newsletter weiterempfehlen und weiterschicken.

Beste Grüße & vielen Dank

Constantin Kaindl

Herausgeber

Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank! Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung mit Klick auf den Link in der E-Mail, die Sie von uns erhalten haben.

Bürobesuch-Newsletter kostenlos abonnieren!


Entdecken Sie uns auf