Impuls

„Wie bringt man Firmen dazu, sich sozial zu engagieren, Walter Bockshecker?“

Walter Bockshecker, ehemaliger Vorstand der NÜRNBERGER Versicherung, spricht im Interview mit Bürobesuch.de über die Herausforderungen des Renteneintritts, die Transformation seines Unternehmens und die beeindruckenden Erfolge der von ihm initiierten Kampagne „Franken für das Leben“.

Im Vordergrund des Gesprächs stand aber vor allem die Frage nach der Bedeutung authentischer sozialer Engagements und die Kraft gemeinschaftlicher Anstrengungen, die Leben retten können.


Sie sind im Mai 2025 in Rente gegangen, eine ganze Generation an Babyboomern folgt in den nächsten Jahren. Was sind Ihre Tipps für einen guten Start ins Rentnerdasein?

Ich bin weit davon entfernt, anderen Menschen Ratschläge für diesen Lebensabschnitt zu geben. Das Thema ist sehr persönlich und individuell. Ich kann nur sagen, was für mich richtig war und was ich mache.

Zunächst einmal: Das Leben wird nach vorne gelebt. Ich glaube, man ist gut beraten, wenn man seiner eigenen Historie nicht nachhängt oder gar seinen Nachfolgerinnen oder Nachfolgern erklärt, wie man Dinge richtig macht. Dann versuche ich Körper, Seele und Geist gleichermaßen aktiv zu halten. Was nicht beschäftigt wird, verkümmert.

Und – last but not least – versuche ich neue Dinge zu lernen. Beispielsweise lerne ich jetzt Kraulschwimmen, habe meine Leidenschaft für Motorräder aus den 70er und 80er Jahren entdeckt und mache im November einen Falknerkurs.

Sie waren fast 20 Jahre Vorstand der NÜRNBERGER Versicherung sowie 2024 und 2025 Aufsichtsratsvorsitzender. Wie bewerten Sie die Entwicklung nach dem Eintritt des österreichischen Mehrheitsaktionärs?

Ich bin total happy und zufrieden mit der aktuellen Entwicklung. Wie viele andere Versicherungsunternehmen auch, steht die NÜRNBERGER inmitten einer nie dagewesenen Transformationsherausforderung. Wir haben den Sachverhalt systematisch analysiert, im Vorstand und Aufsichtsrat notwendige personelle, strukturelle, gesellschaftsrechtliche Entscheidung getroffen. Diese wurden dann auch wirklich konsequent umgesetzt.

Das war und ist schmerzhaft für Mitarbeitende, Partner, Aktionäre und Kunden, aber im Ergebnis richtig. Was ist das Ergebnis? Bereits 2025 wird die NÜRNBERGER ein respektables Geschäftsergebnis zeigen können. Vorstand und Aufsichtsrat sind und werden personell neu und zukunftsorientiert ausgerichtet. Die NÜRNBERGER wird als starke Gesellschaft in Nürnberg erhalten bleiben. Die Vienna Insurance Group AG Wiener Versicherung Gruppe (VIG) investiert nennenswert in Innovation und Technologie. Das hätte schlechter laufen können.

Sie haben Anfang 2025 die Initiative „Franken für das Leben“ gegründet und konnten mit 28 Partnern bis Juli 2025 160.000 Personen in Präsenz und mehr als 1 Million über soziale Medien erreichen. 75.000,- Euro Spendengelder und ca. 4000 gewonnene Stammzellenspender belegen den Erfolg. Wie kam Ihnen die Idee dazu?

Ein guter Freund von mir ist an Leukämie erkrankt und da war es für mich keine Frage: Nicht handeln ist auch handeln. Aber einen Satz vorweg: Ich habe die Initiative angestoßen, das ist richtig. Aber sie ist von unfassbar vielen, unfassbar engagierten und unfassbar kreativen Menschen vorangetrieben und umgesetzt worden. Als wir begonnen haben, hat keiner geahnt, wie groß die Initiative und wie hoch die Solidarität sein würde.

Ein Wert ist bei der Aufzählung in der Frage nicht dabei: Innerhalb eines halben Jahren haben bereits 8 „unserer“ Registrierten Knochenmark gespendet und damit ein Leben gerettet. Für mich persönlich war es aber auch eine schmerzhafte Erkenntnis, dass man, auch ich, bei lebenswichtigen Themen erst dann reagiert, wenn man die direkte Betroffenheit im eigenen Umfeld, der Familien, dem Freundes-, und Bekanntenkreis direkt vor Augen hat. Uns fehlen Knochenmarkspender, Blutspender und Organspender. Es ist nicht schwer zu helfen und dabei auch Leben zu retten.

Sie haben in 40 Jahren als Führungskraft in unterschiedlichen Unternehmen erlebt, wie gesellschaftliche Verantwortung gelebt wird. Wo ist soziales Engagement eine Mogelpackung und wann ist es authentisch?

Zunächst vorweg: Ohne das soziale, gesellschaftliche und kulturelle Engagement der Unternehmen in Deutschland, würden diese Bereich kollabieren. Es gibt sicher Unterschiede. Unternehmen, die ein solches Engagement als Feigenblatt benutzen, ein paar Euro an irgendwen spenden und ihre CSR (Corporate Social Responsibility) im Geschäftsbericht abhaken. Oft genug werden ja Greenwashing Aktivitäten entlarvt.

Ich habe es bei den Unterstützern von „Franken für das Leben“ vollständig anders erlebt. Organisationen, bei denen Vorstand und Geschäftsführer genauso emotional betroffen waren und engagiert für das gemeinsame Ziel gekämpft haben, wie ihre Mitarbeitenden.

Grenzen wurden außer Kraft gesetzt. Der 1. FC Nürnberg und die SpVgg Greuther Fürth haben beim vorletzten Derby Einlauftrikots mit dem gleichen „Franken für das Leben“-Logo getragen. Es ist also ganz leicht zu erkennen, ob soziales Engagement einer Organisation eine Mogelpackung ist oder authentisch. Das spürt man beim ersten Gespräch.

Dieses Interview ist exklusiv für Bürobesuch.de-Newsletter-Abonnenten.

Melden Sie sich jetzt kostenfrei für den Bürobesuch.de-Newsletter an, um den Artikel lesen zu können.

Loading...


Letzter Wille in besten Händen: Testamentsvollstreckung durch die VR TeilhaberBank

(Anzeige)


Viele Firmen sagen: „Wir würden gern helfen, wissen aber nicht wie.“ Ist das aus Ihrer Erfahrung ein echtes Hindernis – oder eher eine bequeme Ausrede?

Ich glaube nicht, dass das eine Ausrede ist. Was ich bei Franken für das Leben gelernt habe, ist, dass es hilft, wenn man einen Rahmen bieten kann: mit einem sinnstiftenden gemeinsamen Ziel, einer Organisationsplattform, einheitlichem Internetauftritt, abgestimmter Kommunikationspolitik, Controlling.

Ich habe auch gelernt: Menschen wollen helfen, sie wollen an etwas glauben, Gutes tun. Und wenn Sie die ersten Partner gewonnen haben, spricht sich das rum, und weitere Interessenten kommen dazu.

Sie haben mit vielen Unternehmerinnen und Unternehmern gesprochen. Wie erreicht man sie emotional wirklich, wenn es um soziales Engagement geht?

Unternehmerinnen und Unternehmer sind ja auch Menschen. Man erreicht sie emotional wie alle anderen Menschen auch. Keinen Unternehmer und keine Unternehmerin, so behaupte ich, lässt es kalt, wenn ein Mensch, gerade im persönlichen Umfeld, schwer erkrankt ist, leidet und eventuell sogar stirbt.

Aber das Management ist auch in einer schwierigen Rolle. Sie bekommen täglich teils hochemotionale Anfragen auf den Tisch, wo Menschen, Vereine, Sozialorganisationen um Unterstützung bitten. Allen können Sie nicht gerecht werden. Und das finden diejenigen, die nicht unterstützt werden können, oft als falsch und herzlos.

Welche Rolle spielen Vorbilder aus Wirtschaft, Sport oder Politik, wenn es darum geht, andere zum Mitmachen zu bewegen?

Vorbilder spielen hier eine ganz entscheidende Rolle. Sie zeigen nicht durch Worte, sondern durch ihr Verhalten, ob und wie Unternehmensgrundsätze gelebt werden. Vorbild „zieht“ mit. Begeisterung wirkt ansteckend. Begeisterung ist allerdings keine Einbahnstraße von oben nach unten.

Ich bin häufig von Mitarbeitenden (Vorbildern) „angesteckt“ worden und habe mit Freude die Fackel weitergetragen. Es muss aber insgesamt stimmig sein. Mitmenschlichkeit darf sich nicht nur in externen Projekten zeigen, sondern auch in der nach innen gelebten Unternehmenskultur.

Hat sich die Bereitschaft von Unternehmen, sich sozial zu engagieren, über die Jahre verändert – oder funktionieren Motivation und Hemmnisse im Kern noch immer gleich?

Aus meiner persönlichen Beobachtung hat sich hier schon etwas in den vergangenen Jahren geändert. Früher (was immer das ist) hat der jeweilige Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer oder Aufsichtsratsvorsitzende die Handlungsfelder und die Budgets für soziales Engagement nach seiner persönlichen Betroffenheit und seinen Vorlieben vorgegeben. Das hat sich geändert.

Es wird sehr viel genauer geschaut und abgewogen, welche Aktivitäten am besten zur Ausrichtung des Unternehmens, zu dem regionalen Umfeld und zur nachhaltigen Förderphilosophie passen. Und darüber wird auch diskutiert. 🙂

Zum Abschluss: Was sind Ihre Learnings aus der Initiative „Franken für das Leben“?

Es ist unglaublich, was eine Organisation wie bei „Franken für das Leben“, die eigentlich keine Organisation ist, zu leisten vermag. Jeder und jede erledigt, was gerade gebraucht wird.

Die Region Nürnberg/Fürth/Erlangen mit all ihren Organisationen und Menschen ist ein Kraftwerk, das Unfassbares leisten kann, wenn die Region zusammensteht und aktiv auf ein Ziel hinarbeitet.
Vor dem Hintergrund der vielen Menschen, die Knochenmark- oder Organspenden benötigen, ist es für mich absolut unverständlich, dass man politisch nicht den Weg der meisten europäischen Staaten beschreitet und von einer grundsätzlichen Bereitschaft zur Knochenmarkspende oder Organspende ausgeht, bei der jeder Mensch ein Widerspruchsrecht hat.


Sie haben eine Empfehlung für einen Interviewpartner für uns? Dann schreiben Sie uns gerne eine Mail an presse@buerobesuch.de.

Wie hat Ihnen unser Interview gefallen? Schreiben Sie Ihr Feedback gerne an constantin.kaindl@buerobesuch.de. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

PS: Wir freuen uns, wenn Sie unseren Newsletter weiterempfehlen und weiterschicken.

Beste Grüße & vielen Dank

Constantin Kaindl

Herausgeber

Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank! Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung mit Klick auf den Link in der E-Mail, die Sie von uns erhalten haben.

Bürobesuch-Newsletter kostenlos abonnieren!


Entdecken Sie uns auf