Warum schreiben wir eigentlich noch mit der Hand – in einer Welt voller Smartphones, Tablets und KI? Für Michael Gutberlet ist die Antwort weit mehr als Nostalgie – er sagt ein guter Füllfederhalter kann zum lebenslangen Begleiter werden.
Im Interview mit bürobesuch.de spricht der Geschäftsführer der h&m Gutberlet GmbH über den Neustart der Traditionsmarke Kaweco, weshalb Nürnberg seine Weltmarken selbstbewusster präsentieren sollte – und warum Handschrift auch in Zukunft unverzichtbar bleibt.

Wie erklären Sie einem 7-jährigen Kind, was Sie beruflich machen?
Das hängt von meiner Stimmung ab. Manchmal sage ich einfach: „Ich mache Stifte.“ Oder ich frage zurück: „Hast du schon mal mit einem Füllfederhalter geschrieben?“
Kaweco hat Kriege, Eigentümerwechsel und Neuanfänge erlebt. Was hält eine Marke durch solche Brüche zusammen?
Sie muss sich selbst treu bleiben. Ihre DNA muss erkennbar bleiben. Ehrlichkeit und Transparenz im Umgang mit der eigenen Geschichte sind entscheidend. Und die Emotionen müssen stimmen – am besten spürt man die Leidenschaft des Teams, wenn das Produkt entsteht.
1994 hat h&m gutberlet die Namensrechte übernommen. Was war beim Neustart von Kaweco die wichtigste Entscheidung?
Nicht aufzugeben, auch wenn es Rückschläge gab oder Wege blockiert waren.
Wie belebt man eine historische Marke neu, ohne sie nostalgisch wirken zu lassen?
Man bleibt der DNA der Marke treu. Das haben wir früh von Kunden gelernt, als wir auf einer Messe einen modernen Prototyp des Kaweco DIA zeigten. Die Reaktionen waren eindeutig: „Das ist nicht Kaweco, das wollen wir nicht.“ Heute holen wir uns immer die passenden Vorbilder aus dem Museum, bevor wir etwas Neues entwickeln.
Was macht den Kaweco Sport bis heute so besonders?
Der Kaweco Sport ist eines der wenigen Schreibgeräte, das seit 1910 durchgängig als „Sport“, also klein und handlich, verkauft wird. Das sind 116 Jahre. So etwas schaffen nur wenige Stifte, meist nur Holzstifte. Das heutige 8-kant Design entstand zwischen 1920 und 1935. Da kenne ich keinen anderen Füllfederhalter mit einer solchen Beständigkeit.
Was fasziniert Sie persönlich an Schreibgeräten?
Die Technik begeistert mich immer wieder. Der Endverbraucher sieht immer nur das fertige Produkt. Wir wissen, dass oft 20 bis 30 Firmen an den Entwicklungen und den Lösungen beteiligt sind. Dafür kann ich mich begeistern, genauso, wie für ein neues klassisches Design oder ein besonderes Material.
Wie wurde der internationale Vertrieb der Kaweco Schreibgeräte vorangetrieben?
Da wir keine Erfahrung im Vertrieb an Einzel- und Großhändler hatten, setzten wir auf Vertriebspartner in den jeweiligen Ländern. Sie brachten entweder bestehende Händlernetzwerke mit oder die nötige Motivation.
Ist regionale Verwurzelung für ein weltweit verkauftes Produkt wichtig?
Ich denke schon. Viele unserer Kunden und Partner schätzen die Zuverlässigkeit eines Familienbetriebs. Dazu gehört auch die Verwurzelung in der Region. Leider wird es von Endverbrauchern oft sehr spät wahrgenommen. Bei KAWECO denken viele zunächst: „Ist das eine japanische Marke?“
Wird in Nürnberg manchmal unterschätzt, welche Marken von hier aus in die Welt gehen?
Ja, Nürnberg hat oft Schwierigkeiten, überhaupt wahrgenommen zu werden. In erster Linie kommt hier unsere Vergangenheit ins Spiel, dann der Lebkuchen und der Christkindlesmarkt. Dabei hat Nürnberg viele tolle Marken hervorgebracht – und tut es immer noch. Wir wollen dazu beitragen, diese Sichtbarkeit zu erhöhen. Das ist eines unserer Ziele.
Muss ein Schreibgerätehersteller heute eher Bewahrer oder Innovator sein?
Beides. Ohne Innovation geht es nicht – sei es ein neues Material oder eine Fertigungstechnik. Die richtige Mischung macht den Erfolg.
Warum schreiben wir im digitalen Zeitalter noch mit der Hand?
Mir fällt es schwer, bestimmte Dinge am Computer zu schreiben oder Notizen in das Smartphone einzugeben. Lieber nehme ich Papier oder einen Zettel. So bleibt es länger im Gedächtnis, ich nehme mir mehr Zeit. Außerdem genieße ich es, wie „meine“ Stifte über das Papier gleiten. Vielen geht es ähnlich. Wir bekommen oft Zuschriften und Lob für unsere Produkte, die für viele zu ständigen Begleitern werden.
Was kann Handschrift, was eine Tastatur nicht kann?
Auch wenn der Computer tausend Schriftarten bietet, bleibt die Handschrift einzigartig. Sie ist wie unser Fingerabdruck. Man kann sie trainieren, wie eine Sportart oder eine besondere Fähigkeit.
Ist ein guter Stift Werkzeug, Statussymbol oder Kulturobjekt?
Alles zugleich. Er kann auch Sammelobjekt, Lifestyle-Accessoire oder Statement sein.
Warum geben Menschen Geld für hochwertige Schreibgeräte aus?
Ein hochwertiges Schreibgerät ist nachhaltiger. Einen Werbekugelschreiber behandelt man anders. Ein guter Stift wird zum Begleiter, liegt stets griffbereit auf dem Schreibtisch und hält Jahre, oft Jahrzehnte.
Was macht ein Schreibgerät wirklich wertvoll?
Wenn man es nicht mehr missen möchte. Besonders bei Füllfederhaltern: Hat man sich einmal eingeschrieben, will man nicht mehr wechseln. Mit der Zeit hängen Erinnerungen daran – ein Reisebericht, eine Karte oder die Tatsache, dass es ein Geschenk war.
Welche Rolle spielt „Digital Writing“ für Kaweco?
Wir beobachten das digitale Schreiben und experimentieren mit neuen Bauteilen und Techniken. Doch bisher haben wir keine echte Alternative zur Füllfeder oder zum Bleistift gefunden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Handschrift?
Dass sie in Schulen wieder mehr geübt wird. Handschrift fördert die Feinmotorik und verknüpft verschiedene Gehirnregionen. Es wäre fatal, diese Bereiche verkümmern zu lassen.
Wenn Kaweco in 50 Jahren zurückblickt: Was soll über die heutige Zeit gesagt werden?
Es war eine gute Zeit. Wir haben den Taschenfüllhalter weltweit wieder bekannt gemacht. Heute wird Kaweco in über 100 Ländern verkauft. Und man kann wieder sagen: Nürnberger Tand geht durchs ganze Land.
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Constantin Kaindl
Herausgeber

